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Chartres, der Ort wo die Erde ihre Schwere verliert
Die Kathedrale von Chartres ist ein Ort, an dem die Erde ihre Schwere
verliert.
Das geheimnisvolle Fluidum des Ortes zieht jeden in seinen Bann, der
nicht ganz in seiner rein leiblichen Existenz gefangen ist.
Zu dieser Feststellung kam ich, nachdem ich endlich Gelegenheit hatte
diesen legendären Ort, über den ich schon so viel gelesen hatte, zu
besuchen. Ich hatte das Glück, mit einer relativ kleinen Gruppe zu reisen,
die sich vorgenommen hatte, sich für dieses Bauwerk Zeit zu nehmen und
welcher auch in der Person von Herrn Larchner ein ganz ausgezeichneter
Kenner der Kathedrale als Führer zur Verfügung stand.
Trotzdem ich schon so viel über Chartres gelesen hatte, ging ich relativ
unbelastet, da ich es vermieden hatte, genaue Detailkenntnisse
aufzufrischen. Ich wusste nur, dass im Zentrum des sog. Labyrinthes ein Ort
hoher psychophysischer Spannung war und unmittelbar vorher, ein solcher mit
einem extrem niedrigen Potential. Es entgeht einem vielleicht dadurch das
eine oder andere, aber man ist offener für das Erleben und nicht versucht,
nach einem Schema vorzugehen.
Herr Larcher den ich mir als eher trockenen älteren Kunsthistoriker
vorgestellt hatte, der mich mit ebenso trockenen biblischen Details des
Bauwerkes langweilen würde, erwies sich als aufgeschlossener noch
jüngerer Mann, der auch das Buch von Charpentier kannte, selber pendelte und
von der Existenz des tellurischen Stromes überzeugt war. Er hat uns denn
auch das Bauwerk auf eine Art und Weise nahe gebracht, die alles andere als
trocken war. Er setzte seine Hauptdarstellerin, die Kathedrale wie ein
geschickter Regisseur ein und gestaltete die uns zur Verfügung stehende Zeit
dramaturgisch gekonnt.
Leider hat mich mein Raumgefühl etwas im Stich gelassen und ich glaubte,
der Raum in den er uns führte, sei auf der Seite der Kathedrale während er
in der Achse lag. Herr Larcher sprach zuerst über den Genius Loci vor
Chartres, über die Vorgeschichte des Ortes und über den tellurischen Strom.
Die Krypta ist, was ich nicht wusste, U-förmig um das Zentrum der Kathedrale
angelegt d.h. sie besteht eigentlich nur noch aus einer Art Gang unter den
Seitenschiffen und dem Chorumgang hinführend. Trotzdem ist sie natürlich
eine der grössten bekannten Krypten. Das Zentrum mit dem zentralen sog.
Brunnen der "Saint Fortes" scheint verschüttet worden zu sein. Herr Larchner
zeigte mir später von der Galerie aus die genaue Stelle, wo er nach seinen
"Mutungen" unter dem Chor liegen müsste. In der Krypta befindet sich noch
ein anderer Brunnen, der (wahrscheinlich fälschlich) als Brunnen der "Saint
Fortes" ausgegeben wird. Wir besichtigten noch einige erhalten gebliebene
Gewölbe der Vorgängerin der heutigen Kathedrale, welche in die Krypta
integriert wurden und besuchten zuletzt noch jenen Teil des Ganges unter dem
nördlichen Seitenschiff, welcher heute die Kapelle der "Notre Dame de
Sous-Terre" enthält. Die Originalstatue die "Virginia parititur" der
"Jungfrau die gebären wird" ist allerdings nicht mehr vorhanden, sie wurde
während der französischen Revolution verbrannt. Heute steht eine Nachbildung
dort, nach alten Beschreibungen gefertigt und noch ganz passabel.
Während früher die Pilger die Krypta durch ein Tor beim Nordturm betraten
und sie durch eine seitliche Türe des Süd-Turmes wieder verliessen, zwischen
einem Leier spielenden Esel und einer spinnenden Sau hindurch, ist der Gang
heute anscheinend nicht mehr zur Gänze offen.
Anschliessend an den Besuch der Krypta, betrat ich zum ersten Mal die
Kathedrale selbst und zwar durch den Westeingang. Nach der relativen Enge
der Krypta überraschten und überwältigten mich nun die Dimensionen des
Raumes. Auch spielte gerade die Orgel und die Musik, das durch die farbigen
Fenster strömende Licht sowie das ganze Erlebnis des Raumgefüges ergriffen
mich sehr. Es war ein erster Höhepunkt der Reise. Bei der nun folgenden
Sonntagsmesse liess ich meinen Blick immer wieder in den wunderbaren
Gewölben schweifen und freundete mich langsam mit dem Gebäude an.
Die ganze Chronologie der Besichtigungen kann ich nicht mehr genau
rekonstruieren. Auf jeden Fall ging es am Nachmittag nicht direkt in die
Kirche, sondern wir machten einen Spaziergang in die Altstadt zum Fluss, zur
Eure (Vuivre?) hinunter, nachdem wir zuerst noch den ehemals bischöflichen
Kornstadel und Weinkeller besichtigten. Wir besuchten noch zwei Kirchen,
eine davon war die Peterskirche, welche auch noch sehr schöne Glasfenster
aus der gleichen Zeit wie die Kathedrale besitzt. Auf dem Rückweg machte uns
Herr Larcher ua. auf ein Haus aufmerksam, welches in seinem Riegelbaugebälk
Schnitzereien aufwies. Es waren da nebst einem Engel der Verkündigung, einem
Fisch, und einer Maria auch noch eine spinnende Sau zu sehen, d.h. ein
Schwein, das teilweise von Schnüren umwunden war wie eine Spindel. Herr
Larcher erklärte dies als Sinnbild des Verstandes, der uns oft auch mit
starken Fäden fessle.
Am Westportal erklärte uns Herr Larcher die der Kathedrale
zugrunde liegende Idee, nämlich ein Abbild des himmlischen Jerusalems, das
sich vom Himmel auf die Erde senkt, das nach jeder Himmelsrichtung drei Tore
hat und dessen Mauern aus Edelsteinen bestehen. Die Figuren am Portal
erhöhen sich gegen das Innere der Kathedrale zu ein wenig und stehen dabei
gleichzeitig immer mehr auf dem Zehenspitzen wie Tänzerinnen und Tänzer,
dadurch den Eindruck einer zunehmenden Schwerelosigkeit erweckend.
Ursprünglich waren die Figuren an den Portalen sowie die Wände und Säulen im
Inneren bemalt und teilweise vergoldet. Nur der Fussboden und die Sockel der
Säulen waren unbemalt. Dies hat auch den Eindruck des Schwebens noch
verstärkt. Dazu kamen die Glasfenster, die wirklich den Eindruck erweckten,
als wäre ein Teil der Mauern aus Edelsteinen. Die Figuren haben einen ganz
nach innen gerichteten Blick, und jenes "Da Vinci-Lächeln" das ganz
demjenigen gewisser griechischen Statuen ähnelt. Ich bin deshalb überzeugt,
dass die Schöpfer dieser Meisterwerke "Eingeweihte" einer Bruderschaft
waren, die "das Geheimnis" kannte.
Die meiste freie Zeit, die mir ausserhalb der geführten Besichtigungen
noch verblieb, verbrachte ich in der Kathedrale. Ich umrundete viele Male
den Chor und bewunderte die spätgotischen Figuren des Chorumganges, die
nicht mehr die überirdische Schönheit derjenigen der Portale hatten, aber
dafür sehr lebensvoll und anmutig waren.
Ich suchte und fand auch jene Fliesse mit dem Bronzeknopf, auf welchen am
21. Juni jeden Jahres (bei schönem Wetter) die Sonne scheint durch eine
eigens dazu im Fenster ausgesparte Öffnung. Diese Fliesse soll erst im 18.
Jahrhundert durch einen Kanonikus angebracht worden sein. An den Befunden
von Charpentier würde das allerdings ja nichts ändern.
Immer wieder versuchte ich Blickwinkel zu finden, von welchen aus ich
möglichst reiche Aspekte der gotischen Architektur entdecken konnte. Die
Formen der Gotik habe es in sich, dass sie nicht bedrücken, sondern erheben,
trotz ihrer monumentalen Grösse. Die Architektur des Bauwerkes sprach zu mir
und zog in mich ein.
Auch das Labyrinth zog mich immer wieder an. Obwohl es
von Stühlen verstellte ist, ist doch die Mitte begehbar, da sie in der Mitte
des Ganges zwischen den Stühlen liegt. Ich wusste, dass unmittelbar vor dem
letzten Schritt eine Zone von 2000 Bovis-Einheiten lag, im Zentrum eine
solche von 18'000 (was dem Initationspunkt eines Pharaos entsprechen würde!)
Ein so grosser Unterschied muss ja auch ein Dickhäuter wie ich empfinden
sagte ich mir, und es war auch so. Während ich in der Mitte die Empfindung
einer durchdringenden und wärmenden Energie hatte, fror es mich am anderen
Punkt irgendwie innerlich. Dies hatte jedoch nichts mit physikalischen
Unterschieden zu tun.
Wir konnten dann auch in die höheren Gefilde der Kathedrale steigen.
Orte, die sonst dem Publikum nicht zugänglich sind. Interessant waren die
über den Seitenschiffen befindlichen Kammern, eine Art Module, stabile
Einzelteile des Bauwerkes aus denen es sich zum Teil zusammensetzte. Herr
Larcher zeigte uns auch ein paar Steinmetzzeichen von welchen etwa 800
verschiedene am Bauwerk gefunden wurden. Wir umrundeten dann den Chor aussen
und konnten dabei kurze Blicke auf die Chartres umgebende Landschaft werfen.
Dabei fiel mir auf, dass es, wie alle mir bis jetzt bekannten Orte der Kraft
(z.B. Avebury und Glastobury) in einer Art riesigen Schüssel oder Teller
lag. Wir kamen dann über den Südturm auf den Dachstock, d.h. in den Raum
über den Gewölben und ich konnte durch einen Schlussstein auf das Labyrinth
hinunter sehen. Ebenfalls ein Höhepunkt. Wir gingen dann auf die innere
Galerie und fanden uns vis-a-vis der gewaltigen Glasfenster, die von der
Nähe natürlich besonders eindrücklich aussahen. Wir hatte bereits einige der
Fenster von aussen gesehen und auch berührt und dabei die Spuren der
Verwitterung von der Nähe betrachten können.
Interessant ist auch das Nordportal, das sog. Portal der Eingeweihten.
Die Figuren stammen aus einer schon etwas späteren Zeit wie diejenigen am
Nordportal, sind aber noch ganz voller Kraft und Ausdruck.
Nachdem wir am Nachmittag eine kleine Wanderung auf Chartres zu gemachten
hatten, sozusagen die letzte Etappe des Pilgerweges imitierend,
betrachteten wir gegen Abend noch das Südportal mit dem jüngsten Gericht.
Posaunenklänge riefen uns dann ins Innere. Nun kam für mich der eigentliche
Höhepunkt des Aufenthaltes. Während langsam das Leuchten der Glasfensters
erlosch, die Orgel spielte (ua. Bach und Messiaen!) und die Galerie von
Innen her beleuchtet wurde, stand ich zuerst lange an der Stelle im inneren
des Labyrinthes und versuchte die Kräfte in mich aufzunehmen, die der
"Quelle" entströmten". Es ergriff mich wirklich eine Art "Trunkenheit". Ein
Gefühl von Schwerelosigkeit und "Erhobenheit". Ich ging dann - noch während
des Konzertes - in der Kathedrale umher, versuchte besonders schöne Aspekte
des Raumgefüges einzufangen und wurde mir auch der unterschiedlichen
Akustik bewusst. Zuletzt stand ich noch längere Zeit an den nordwestlichen
Vierungspfeiler gelehnt. Leider viel zu schnell endete das Konzert und wir
mussten die Kathedrale verlassen.
Ein letztes Mal ging ich am Freitag vor unserer Heimreise noch einmal
hinein und vertiefte mich nochmals in die Fenster. Die Sonne schien und
einzelne Pfeiler und Stellen auf dem Boden waren mit bunten Lichtern
verziert. Ich begab mich dann nochmals auf den "Ort" und versuchte
diesmal
bewusst die "Kraft" als heilende Kraft in meinen Körper "einzusaugen". Dabei
spürte ich genau, wo sie wirkend verweilte.
Nachspiel: Die Wirkung des "Ortes" muss wirklich stark sein. Schon bald
nach unserer Abreise hatte ich das Gefühl des Frierens. Die physisch
spürbare mächtige Ausstrahlung der Kathedrale fehlte mir. In den beiden
ersten Nächten nach der Rückkehr träumte ich ausserordentlich viel. Es war
mir, als ob ich in viele fremde Schicksale hineinverwoben würde. Ich wachte
auch öfters auf in der Nacht wobei abwechselnd vor meinen Augen gotische
Architekturformen und Gewölbe sichtbar wurden, oder bunte Glasfenster und
Lichter.
Als ich auf dem "Ort" stand entdeckte ich eine Möglichkeit, in mir selber
die aus dem "Ort" aufsteigende, quasi "quellende" Energie mit einer
kosmischen von oben kommenden Kraft zu verbinden. Dies scheint mir eines der
wichtigsten Ergebnisse der Reise zu sein. Dem muss ich unbedingt weiter
nachgehen.
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