Das Mysterium der künstlerischen Ausdrucksform.
von Joseph Schneider-Franken.
Es gab eine Zeit — und vielleicht mag sie noch nicht zu Ende sein — da
man „Körper“ und „Seele„ fein säuberlich zu scheiden suchte.
Wer der Seele dienen wollte, der glaubte beinahe, des Körpers
nicht zu bedürfen, hielt ihn bestenfalls für ein lästiges Bleigewicht,
das nur die Seele niederziehen könne, für ein vielleicht notwendiges,
aber gräuliches Übel, ein widerwärtiges Hindernis aller seelischen
Entfaltung.—
Man suchte den Körper nach Möglichkeit
"abzutöten" um die Seele frei zu
machen, und ahnte nicht, dass “die Seele“ eine gähnende Leere, ein
inhaltloses Unendliches, bestimmungs— und grenzenlos wäre, ohne den
Reichtum, den ihr der Körper gibt.
Man wusste nicht, dass wir keinen einzigen Gedanken denken können, der
nicht im Körper seine analoge Beziehung, seinen
eigentlichen Inhalt, real ausgedrückt fände, dass all unsere
Vorstellungsbilder, selbst die kompliziertesten, im Körper vor-gebildet
sind.—
Aber auch heute sind noch die
Wenigen zu zählen, die da wissen, dass beim Denken etwas mehr in
Tätigkeit gesetzt wird, als nur das Gehirn …
Der Vorgang jeglichen Denkens, - und was wir “fühlen“ und
“empfinden“ nennen, ist nur eine besondere Abart des Denkens, die
zu genau der gleichen Schärfe und Sicherheit emporentwickelt
werden kann, — ist dem blitzschnellen aussenden bewusster und
unbewusster Fragen vergleichbar, auf die meist mit der gleichen
Schnelligkeit die Antwort erfolgt.
Bei jedem Gedanken, und sei er noch so abstrakter, noch so sublimer Art,
sendet unser Gehirn gleichsam einen Kundschafter aus in jene Teile des
Körpers, die der Art des Gedankens entsprechen, und fast im
gleichen Moment kehrt der Bote zurück und berichtet von seinen
Findungen.
Es ist nicht leicht, diesen Vorgang
im Rahmen einer kurzen Abhandlung zu erklären.
Beispiele mögen zum eigenen Forschen anleiten, aber auch da können nur
die einfachsten Fälle herangezogen werden.
Nehmen wir an, ein Mensch denke über den „Standpunkt“ nach, den
er in irgend einer Frage einzunehmen willens sei.
Er kann den Begriff “Standpunkt“ unmöglich denken, ohne einen Strom vom
Gehirn bis zu den Ganglienknoten seiner Füsse zu senden, mag er
sich dessen bewusst sein oder nicht, und in den Füssen, nicht im
Gehirn, empfindet er, was der Begriff “ Standpunkt „besagt. Das
Gehirn empfängt nur die Botschaft und stellt die bewusste
Empfindung fest.
Ein anderes Beispiel!
Man denkt: ich weiss etwas vom „Hörensagen“.
Hier werden gleich zwei Ströme
ausgesandt, einer zum Ohr und einer zum Mund, und beider
Botschaft bei der Rückkehr veranlasst erst das Bewusstwerden des
eigentlichen Wortinhalts.—
Ähnlich geht es bei Worten., wie:
“Handreichung“, „Fortschritt“, „Niederlage"‚ etc. etc.
Je stärker die betreffende Körperstelle reagiert, je besser die
Verbindungsdrähte, die sensorischen Nerven, Frage und
Botschaft leiten, desto intensiver wird der Inhalt des
Wortes gefühlt, desto sicherer wird der Gedanke “verstanden„.
Ich habe hier absichtlich nur die allereinfachsten Beispiele gewählt und
man könnte ein ganzes Wörterbuch mit der Aufzählung ähnlicher Beispiele
füllen.
Hier enthält noch das gedachte Wort Selbst schon den Hinweis auf einen
Körperteil oder eine körperliche Funktion.
Der Vorgang ist aber der gleiche, wenn wir etwa das Wort: “Gewölbe“ denken. Blitzschnell erfüllt der ausgesandte Strom das
Innere
der Schädeldecke, während er bei dem Worte: “Kuppel“, das
Aeussere des Schädels umfasst und seine Botschaft
zurückbringt.—
Je mehr sich die Begriffe dann dem
Abstrakten nähern, um schliesslich scheinbar völlig abstrakt zu
werden, desto schwieriger wird zuerst das Auffinden der
entsprechenden Analogien des Körpers für die Ströme, die das
Gehirn aussendet, und eine neue Begriffsbildung, die ihrem
Urheber nur deshalb gelang, weil die von seinem Gehirn
ausgesandten Ströme im Körper Verhältniswerte vorfanden, die noch nie
von den Strömen eines anderen Gehirnes gefunden wurden, bleibt
solange bei Andern unverstanden, bis auch die Ströme, die ihre
Gehirne aussenden, die in Frage stehenden Verhältniswerte im eigenen
Körper finden.—
So haben wir den ganzen Reichtum unseres Fühlen- und Denkenkönnens vom
Körper empfangen, und längst bevor der Mund des Kindes Worte
einer willkürlichen Verständigungskonvention stammeln lernt, ist das
kleine Menschenwesen voller “Sprache“.
Es gibt gewisse, uralte Lehren, die
nur Wenigen zugänglich sind, und die mit aller Sicherheit verkünden,
dass des Menschengeistes zeitweilige Verbindung mit dem Körper lediglich
erfolge, um dem Geiste zur “Individualisierung“ zu verhelfen, um ihm Vostellungsinhalt zu geben, und ihn “zu Wort „ kommen zu lassen....
Doch ich will hier nur von Dingen reden, die Allen zugänglich und sicher
erfahrbar sind, und meine Erörterungen sollen uns weiter führen zum
Verständnis der künstlerischen Ausdrucksform, der Wirkungsmittel
des bildenden Künstlers.
Mag auch beim Maler in erster Linie an das Auge gedacht werden,
während man im Bildhauer ein besonders ausgeprägtes Tastempfinden vermutet, so bildet doch für beide Kunstarten das, was
man “den Tastsinn des Auges„ genannt hat, die gemeinsame
Rezeptionsbasis.
Aber innerlich “erfasst“, künstlerisch
„verstanden“
wird das Aufgenommene wieder nur mit Hilfe des Denkmechanismus, mit
Hilfe der Ströme die das Gehirn in die verschiedenen Teile des Körpers
sendet, um siech dort seine Antworten zu holen.—
Das Gleiche gilt für den Beschauer
des vom Künstler geschaffenen
Kunstwerkes, sofern er überhaupt willens ist, es nachzuerleben.
Der Künstler suggeriert durch die von ihm geschaffenen
Ausdrucksformen dem Beschauer, was er selbst innerlich erlebte.
Verhält sich, der Beschauer nicht
passiv, ist er in andere Betätigung seines körperlich-geistigen Denkvermögens verwickelt,
dann wird die Suggestion nicht bemerkt, wie stark sie auch sei.
Ergibt er sich aber der Suggestion, so wird sie um so intensiver
wirken, je besser die Ströme vom Gehirn zu den einzelnen Körperstellen
bei ihm „eingearbeitet“ und, je mehr des Künstlers Schaffenserlebnis
gerade von solchen körperlichen „Antwortpunkten“ angeregt war,
die auch im Beschauer bereits gewohnheitsmässig, oder doch leicht
gefunden werden.-
Alles was das Auge des Künstlers
dem Gehirn vermittelt, Löst dort als Bildgedanke seine Ströme aus und
sendet sie nach jenen körperlichen „Antwortpunkten“ die
seiner Art entsprechen, und erst die Antwort bringt dem Gehirn
das “Verstehen“ des aufgenommenen Bildes. –
Nehmen wir an, es werden etwa
Tannenzweige in ihren Aeussersten Verästelungen wahrgenommen.
Sofort geht ein Strom vorn Gehirn zur Hand und wieder zum Gehirn
zurück, denn die fragliche Form wird uns nur verständlich im Gefühl der
ausgespreizten Hand.—
Die Wahrnehmung eines Laubbaumes von beiläufiger Kugelform
wird zur Folge haben, dass der Strom, der vom Gehirn ausgeht, sofort den
ganzen Kopf umfasst und so das Verständnis dem Gehirn
zurückbringt.
Tragendes Gebälk wird mit Hilfe unserer
Schultern, unserer Arme verstanden, die Pfeiler einer Brücke verstehen wir als
unsere gespreizten Beine, die Brücke selbst wird durch die
Empfindung des gekrümmten Rückens verständlich.
Bei einem Kirchturm verstehen wir das
Fundament durch
unsere Füsse, alles Übrige durch Beine und Rumpf in straff
aufrechter Haltung, und den obersten Teil durch die Empfindung
des Kopfes, wobei das Dach durch die Empfindung unserer
Schädeldecke uns zum Verständnis kommt.
Dass die Fenster eines
Gebäudes durch unsere Augen, die Türen durch den Mund verstehbar werden, haben
Karikaturisten und phantastische Zeichner schon zur Genüge ausgenützt …
Auch alle Farbenempfindungen sind nur durch Beihilfe des
Körpers möglich, doch sind hier die körperlichen “Antwortpunkte“ mit
dem Aufnahmeapparat selbst identisch.
Für jede aussen wahrnehmbare oder
vorstellungsmögliche Farbe findet sich das körperliche Analogon im Auge
selbst.
Wird also eine Farbe wahrgenommen,
so gelangt die Wahrnehmung zuerst vom Auge ins Gehirn, setzt dort Ströme
in Bewegung, die in das körperliche Auge zurückfluten und sich die in
ihm enthaltenen Analogiepunkte suchen, um mit der Antwort ins Gehirn
zurückzukehren, wo dann erst die Farbe bewusst „verstanden“ wird.
“Farbenblindheit “ ist nichts anderes, als die partielle oder absolute
Unfähigkeit eines Auges zur verlangten Antwortfunktion.
Es würde ins Uferlose fuhren, wollte man die stete Rückwirkung
des Körpers auf den Geist in allen ihren einzelnen Phasen, von dem
Erlebnis des Schaffensanstosses beim Künstler bis zum Kunsterlebnis des
Betrachters aufzuzeigen versuchen.
Ob sich der Künstler den Formen und Farben der Natur nahe hält, oder ob
er ein Kunstwerk aus völlige naturfremden Formen und Farben schafft,
stets wird das Gehirn im Körper nach den Analogien, nach den
Antwortpunkten suchen und ein “Verständnis“ des Werkes ist nur
möglich, wenn die entsprechenden Antwortpunkte gefunden werden.
Dass auch die Tonkunst uns nicht ohne
Hilfe des Körpers zugänglich ist, bedarf wohl nach allem Gesagten
kaum mehr der Erwähnung. Jede Tonvibration, jedes Intervall, jeder
Rhythmus ist im Körper vor-gebildet und nur die Auffindung des „Antwortpunktes“ im
Körper bringt das „Verständnis“.—
Die vorliegenden Erörterungen wollen nichts weniger als erschöpfend
sein. Sie können kaum mehr, als kurze Hinweise geben, denn der Stoff ist
unübersehbar.
Es genügt, wenn es mir gelungen sein sollte, Künstler und
Kunstgeniessende zu einem grösseren Verständnis der Funktion
zu führen, die der Körper sowohl beim Vorgang
der künstlerischen Konzeption und des Schaffens, wie beim
Nacherleben Kunstwerkes ausübt.
Vielleicht dürfte durch diese Ausführungen auch das „Kunstverständnis“
eine erwünschte Förderung erfahren.